Stürmisch und berauschend!
Wie brisant, wie spannend Oper sein, welche überschäumenden Wellen ein exzellent geführtes Orchester schlagen kann und wie wertvoll ein schlüssiges Regiekonzept ist, durfte man im Martini-Park am Sonntagabend bei der Premiere von Benjamin Brittens »Peter Grimes« in der grandiosen Inszenierung von Dirk Schmeding miterleben.
Es war vieles anders als »gewohnt« an diesem letzten Opernabend der Spielzeit 2021/22 und das war mehr als gut. Lange musste man (ich) warten, um wieder einmal so begeistert schon in die Pause und nach drei ungemein spannenden Stunden mit der Erkenntnis nach Hause zu gehen, dass das Staatstheater Augsburg doch wirklich »große Oper« kann - wenn das richtige Kreativ-Team zusammenfindet, in dem jeder sein Handwerk so souverän beherrscht.
Und sicher war es auch von Seiten des Theaters anders als geplant: Einmal mehr (ähnliches war es bei der Premiere »Das Ende der Schöpfung« passiert) musste der Protagonist, der eine veritable »Hammer«-Partie zu bewältigen hat, in letzter Minute ersetzt werden. Für den stimmlich indisponierten Richard Furman, den man als Gast für den bereits schon länger erkrankten Tenor Jaques le Roux nach Augsburg geholt hatte, sprang der sonst an der Frankfurter Oper singende Amerikaner Peter Marsh ein. Der wiederum singt demnächst den Peter Grimes in Nürnberg. Jetzt schon sollte sich jeder Opern-Fan diesen Ausflug ins ohnehin formidable andere bayerische Staatstheater vormerken!
Marsh rettete den Abend nicht nur, sondern machte ihn als fulminanter, mit allen Ozeanwassern gewaschener Sänger im tatsächlich großartig funktionierenden Modell von »Sänger im Graben – nicht singender Darsteller mit Lipsync auf der Bühne« zum fesselnden Erlebnis. Da leuchtete die emotionale Palette des schwer eindeutig zu fassenden Außenseiter-Charakters Peter Grimes, wurde die vokale und spielerische Gestaltung dessen Stärken- und Schwächen-Profil zum Fest, wurden die Brüche, die Verletztheit, wurden die Abgründe und Geheimnisse, das visionäre »Spinner«- und Träumer-Potential in jeder Facette wahrnehmbar. Die Spannung hielt bis zum ergreifenden Finale, in dem Grimes inmitten der Zuschauerreihen zu entdecken ist. Dort windet er sich, leidet, tobt, geht unter – und ja…da blieb den ersten acht Reihen nichts übrig, als sich einmal um die eigene Achse zu drehen, um diese Gänsehautmomente nicht nur auditiv zu erleben.
Dass mit Sally du Randt als graue Maus-Seele »Ellen Orford« eine starke Solistin auf der Bühne steht, war an diesem in Summe so überraschenden Abend keine Überraschung. Unerschütterlich glaubt die Witwe an das Gute im Manne Grimes, den allen anderen mit Misstrauen überschütten, der vielleicht seine Schiffsjungen womöglich doch zu sehr liebt. Sie verkörperte intensiv den Spagat zwischen Vertrauen, Emphase und nagenden Zweifeln. Beherzt führte sie im Verbund mit Wiard Witholt, dem die Gerissenheit seiner Kapitän Balstrode stimmlich bestens lag, die Verteidigung gegen all die anderen Fischerdorf-Mitglieder an, die ihn erbarmungslos ins Netz der Schuldvorwürfe treiben und die hier mit diversen Gastsolisten solide besetzt waren.
Diese Britten-Oper, die 1945 ihre Uraufführung erlebte, besitzt ungebrochen eine packende, schäumende Farbigkeit und orchestrale Power, der man sich einfach nicht entziehen kann und will, zumal wenn sie so gespielt wird wie hier unter Leitung von GMD Héja. Ein sinnreiches, mit Wasser geflutetes schmales Bühnenbild, das mit einer gläsernen, vielfältig bespielbaren Ballustrade (Martina Segna) den Orchestergraben getrennt war und ein Regie, in der jeder Schritt, jede Geste, jede Handlung, jede (Ensemble)-Szene saß und Bände sprach, die wie nebenbei das Klima-Motto illustrierte und die Abartigkeiten der sensationslüsternen Katastrophen-Touristen mit ins Spiel brachte, die im Chor die kommentierenden Theaterzuschauer spiegelte, die raffiniert das »Mögliche«, das Unausgesprochene, die Andeutung einer absehbaren Katastrophe ins Zentrum stellte – macht diesen Augsburger »Peter Grimes« zum Muss!
Fotos: Jan-Pieter Fuhr