Literatur

»Überallundnirgends« – ein Tagebuchroman von Heide Tarnowski

Gast
4. September 2021

In dem Roman geht es um Reisen, um die Suche nach Heimat und Identität, um die Verortung in der Flut von Informationen aus aller Welt, die es zu verarbeiten gilt, um Freundschaft und Solidarität. Eine Rezension von Dr. Karin Perz.

»Überallundnirgends«  – ein ungewöhnlicher Titel, der neugierig macht und der bereits in Kurzform anklingen lässt, worum es in dem Roman geht: um Reisen, um die Suche nach Heimat und Identität, um die Verortung in der Flut von Informationen aus aller Welt, die es zu verarbeiten gilt, um Freundschaft und Solidarität. Es ist ein Jahr ihres Lebens, an dem uns die Icherzählerin teilhaben lässt, 2017 mit 74, wie der Untertitel heißt, und es ist ein Buch, das den Leser mit seiner Nachdenklichkeit, seiner Fülle an Erlebnissen, Erfahrungen, Schilderungen und Gedanken in den Bann zu ziehen vermag.

Heide Tarnowski, 1943 in Masuren geboren und 1945 als Kleinkind zusammen mit ihren Eltern nach Bayern geflohen, legt mit »Überallundnirgends«, 2017 mit 74 einen Tagebuchroman vor, der, zunächst im Internet veröffentlicht, nun 2021 im Verlag LiteraturWissenschaft.de als Print-Buch erschienen ist. Es ist ihre erste Romanveröffentlichung nach mehreren Reisereportagen aus dem Nahen Osten, Nord- und Subsaharaafrika, mehreren kürzeren Prosatexten in Sammelpublikationen und einer Serie über Westafrika für Kinder im Bunten Hund. Die Autorin, zunächst in Tübingen und München für Philosophie, Germanistik und Geschichte eingeschrieben, führte ihr wegen Heirat und Mutterschaft unterbrochenes Studium an der Universität Augsburg mit der Promotion zu Ende, war dort anschließend als Wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt, übernahm in Folge Kurzdozenturen an den Universitäten in Burkina Faso und im Benin, unterrichtete von 2000 bis 2017 wiederholt Asylbewerber in Deutsch, arbeitete als freie Fotografin und gestaltete mehrere Fotoausstellungen. Heide Tarnowski lebt heute zurückgezogen im Landkreis Augsburg in einem kleinen Haus am Waldrand.

Eine unkonventionelle Biographie oder ein für diese Generation von intellektuellen Frauen gar nicht so ungewöhnlicher Lebenslauf? Beides dürfte richtig sein. Unkonventionell ist in jedem Fall ihre Art zu reisen, an der sie uns in ihrem Roman intensiv teilhaben lässt. Heide Tarnowski reiste bevorzugt allein, nicht nur mit ihrem Auto nach Masuren und Finnland, sondern als Rucksacktouristin mit wechselnden öffentlichen Verkehrsmitteln durch den Nahen Osten und Afrika, ganz nah bei und mit den dort lebenden Menschen, die sie in ihrem Roman lebendig werden lässt.

Ein unkonventioneller Roman, in Tagebuchform gefasst, was der Autorin die Freiheit lässt, ihre gelebte Gegenwart mitten in der Natur, inmitten von Tieren und Pflanzen, ebenso eindrucksvoll und sinnlich zu schildern wie ihre Reiseerlebnisse und ihre – teils schmerzhaften, aber auch von Mut und Tapferkeit zeugenden – Erinnerungen, die bis in die frühe Kindheit reichen. Auf diese Weise entfaltet sich ein ganzes Leben, es entsteht Simultanität und es entwickelt sich ein Sog, dem sich der Leser kaum zu entziehen vermag, auch weil er es mit einer Meisterin der Sprache zu tun hat. Die Autorin beherrscht ihre Sprache virtuos, sie schreibt nuancenreich, oft assoziativ, tastend, sogar spielerisch, aber auch pointiert und präzise, schöpft aus ihrem reichen literarischen Wissen und scheut sich nicht, Zitate oder sogar ganze Gedichte wie z.B. Brechts Vom Schwimmen in Seen und Flüssen einzubeziehen. Ihr Blick auf die Welt gleicht oft dem eines Kindes, offen und erstaunt über das, was es sieht, bemüht zu verstehen, was Leben heißt und wie unterschiedlich Menschen leben können. Und der Leser begleitet sie auf dieser Lebensreise und macht sich begierig zu eigen, was vor ihm ausgebreitet wird.

Es ist ein wichtiger Roman, der viele Fragen anspricht, die uns heute beschäftigen: Wie gehen wir mit der Natur um, mit der Zerstörung der Umwelt, dem Artenschwund, dem Klimawandel? Was heißt Älter- bzw. Altwerden, wie ändert sich Leben in dieser Phase, was ist noch möglich, wie lassen sich die nun auftretenden Gebrechen bewältigen? Was heißt Einsamkeit und ist diese zwangsläufig mit Individuation verbunden? Wie ist unsere Sicht auf den Nahen Osten und Afrika, auf die dort herrschenden Krisen, auf islamistischen Terror, Zerstörung, Hungersnot? Wie nehmen wir die dort lebenden Menschen wahr, was können wir von ihnen lernen, wie gehen wir mit Flucht und Vertreibung um, mit dem Verlangen nach Hilfe, Unterstützung, Asyl? Aber es ist auch ein Werk, das von Liebe zur Natur und zu den Menschen zeugt, von dem Bedürfnis, trotz aller Fährnisse immer wieder Gutes zu tun und im Kleinen diese Erde ein wenig besser zu machen.

Der Roman, welcher einen weiten Bogen spannt von der Zeit des Endes des Zweiten Weltkriegs bis in unsere unmittelbare Gegenwart, von innerem Erleben bis zu  intensiv geschilderten äußeren Begebenheiten, bereitet Lesegenuss und lässt den Leser zugleich nachdenklich zurück.

www.literaturwissenschaft.de

 

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