Theater & Bühne

...und wenn die Welt zusammenfällt

Renate Baumille...
16. November 2021

Das Publikum hielt den Atem an in einer gekonnt gemachten Theaterproduktion, die am Freitagabend in der Regie von Jörg Schur im Abraxas zu erleben war.

Prägnant, intensiv und emotional facettenreich zeichnen die beiden Schauspieler Matthias Klösel und Olaf Ude im Zwei-Personen-Stück »Empfänger unbekannt« das beklemmende Schicksal zweier (Brief)-Freunde nach, deren Korrespondenz bald ebenso rigide und vernichtend wird wie das Regime der Nationalsozialisten.

Schmerzlich müssen die beiden Galeristen und Kunsthändler Martin Schulse (Matthias Klösel) und Max Eisenstein (Olaf Ude) erfahren, dass der »wahre Freund allein« - anders als im bekannten Evergreen euphorisch und leitmotivisch besungen – eben doch nicht immer das höchste Gut auf Erden ist. Ein Freund bleibt nicht immer Freund, wird gar zum erbitterten Feind, wenn sich mit den politischen Verhältnissen auch Charakter, Haltung und Ideale verändern. 1938 schrieb die amerikanische Autorin Katharine Kressmann Taylor den Briefroman »Adressat unbekannt«- ein kleines literarisches Meisterwerk! Rein über den knapp zweijährigen Briefwechsel, der nach der Rückreise von Martin nach München 1932 beginnt, beleuchtet sie sprachlich geschliffen und eindringlich die toxischen Mechanismen des Nationalsozialismus. Ebenso berührend wie erschütternd ist auch die Bühnenversion, die im Herbst 2021 in Koproduktion zwischen der Theaterwerkstatt Augsburg und dem Neuen Theater Burgau entstand. Sehr zu Recht wurde sie vom Kulturamt der Stadt Augsburg, vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und vom Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. gefördert. Elke Heidenreich etwa empfahl in ihrem Nachwort zur Neuausgabe das Buch als Pflichtlektüre für Schulen.

Gleiches gilt für die aktuelle Inszenierung, die Jörg Schur mit psychologischem Feingespür für die Relevanz von Reduktion, von Konzentration aufs Wesentliche und damit auf den emotionalen Gesinnungswandel der beiden besten Freunde verantwortete. Sender und Empfänger verschmelzen zur Einheit, scheinen synchronisiert; die Briefe bilden die Brücke zwischen den Kontinenten, transportieren in der Klarheit ihrer Zeilen den sich wandelnden gesellschaftspolitischen »Ton« und die jeweilige Befindlichkeit von Schreibendem und Lesendem. Auf der Bühne reichte ein Stuhl vor einem Beistelltisch mit einer Messing-Menorah auf der westlich-liberalen, »amerikanischen Seite«, um das Terrain des jüdischen Kunsthändlers Max Eisenstein zu definieren. Rechts die neue deutsche Heimat, in dessen völkischem Gedankengut und NSDAP-Strukturen sich Martin Schulse samt Familie nach seiner Abreise aus den Staaten in München etabliert: dort ebenfalls allein Stuhl und ein zum Tisch umfunktionierter Schrank-Koffer samt Bilderrahmen. Dem Lauf der Geschichte gemäß wird das Portrait von »Uncle Max« mit dem Hitler-Konterfei ersetzt. In der Mitte platziert, behauptet sich die gute alte Schreibmaschine. Sie wird zum gefährlichen Hotspot dieser irritierenden Korrespondenz, in der einstige Zuneigung der verbal schneidenden Kälte weicht, in der Worte zur Waffe werden, in der sich das tödliche Gift von Antisemitismus und Verrat entfalten kann.

Weiterer Termin in Augsburg: 27.1. in der Kresslesmühle.

www.theaterwerkstatt-augsburg.de

 

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