Ausstellungen & Kunstprojekte

Avina Vishnu: Elektronik und Natur

Martin Schmidt
1. November 2019

Die Sensation des Albums ist der Link von der Detroiter Elektronica-Ikone Heinrich Mueller aka Gerald Donald (Drexciya / Dopplereffekt) nach Augsburg. Unter dem Namen Avina Vishnu mischen der US-Soundmaker und die Augsburger Künstlerin Aina elektronische Ambient-Sounds mit Naturgeräuschen. Zusammen mit dem Projektnamen, der gewagt einen althochdeutschen Frauennamen mit dem Namen einer hinduistischen Gottheit paart, ist man versucht, klanglichen Esoterik-Kitsch zu erwarten, »Transforma« entpuppt sich aber als kluges Electronica-Album, das sich dem kühl und als Deep-Listening-Erfahrung entgegenstellt.

Als Konzeptarbeit strebt »Transforma« eine Verbindung der natürlichen Umwelt mit dem Kunst-Raum der elektronischen Musik an. Sphärige Ambient- und Drone-Klangflächen weiten den Raum, die ersten Naturgeräusche tauchen erst ab der fünften hypnotischen Minute auf, mikroskopische Nähe und makroskopischer Gesamtraum verschieben sich ineinander. Der Klang selbst weitet den Resonanzraum auf, in dem die Feldaufnahmen aus der dreidimensionalen Echtwelt Nistplätze einnehmen. Die eigentliche Transformationsarbeit geschieht am Hörer: dissoziierend, hypnotisch, bisweilen katatonisch. Die Raumverschiebungen und die Verstapelung der Akustikhüllen erschaffen Soundscapes ganz im Sinne der klangökologischen Gedankenwelt von Soundscape-Vater R. Murray Schafer: die Dualität technischer Laute und Naturklänge im Raster der drei Lautsphären Keynote sounds, sound signals und soundmarks.

Das Album – von melancholisch bis urban, von ruhig bis bedrohlich – hält in kluger Dramaturgie über seine 39 Minuten den Spannungsbogen. Zu den Synth-Drones stoßen perkussive Electronica-Sprengsel, experimentelles Soundprocessing und Frequenzverzerrungen. Das Album umgeht der Versuchung, erst recht hinsichtlich der Naturaufnahmen szenisch zu arbeiten. Lange Klangkapitel bilden flirrende, traumartige Akte, die Field Recordings bleiben punktuell, das Album ein Musikwerk. Tatsächlich, im Wortsinne: eine Synthese, von Natur und Electronica. »Transforma« endet in glitzernder, hypnotischer geloopter Sequenzer-Electronica, gefolgt von kurzen beschwörenden Vocals und absterbender Electronica. Das bilanzierende Sound-Gardening – die Versöhnung oder eben der Clash der beiden Klangwelten – geschieht im Kopf des Hörers.

Das Album, veröffentlicht auf dem belgischen Label WeMe-Records (u.a. Oliver Coates und John Luther Adams), ist erhältlich als Digital Download und als Doppel-Coulour-Vinyl (in Augsburg bei »Tonträger«). Als Klanginstallation ist »Transforma« bis Ende Mai 2020 in der Reihe »loop30 – der Hör-Raum« im Kulturhaus Abraxas zu hören.

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