Theater & Bühne

Expressives im Gaswerk

Die Brechtbühne im Gaswerk ist zwar noch nicht fertig, aber das für die Produktion von Georg Kaisers Trilogie „Gas“ als Bühne eingerichtete Kühlerhaus macht eine überaus gute Figur. Eine Steilvorlage…

Vielschreiber Kaiser war mit seinem expressionistischen Theater in den 1920er Jahren überaus populär, wird heutzutage aber eher wenig gespielt. Antje Thoms liefert gleich alle drei Teile der während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen weitgreifenden Saga.

Es beginnt bereits draußen vor der Tür. Dort treiben sich einige Gestalten herum, deren Armut ebenso greifbar ist ihr Versuch, sich damit nicht abzufinden. Nachdem der Besucher dieses Vorspiel passiert hat, bekommt er am Eingang erstmal einen Kopfhörer in die Hand gedrückt, der im Saal aufzusetzen ist (eine wohlbekannte Computerstimme gibt Anweisungen zur Nutzung), und eine Brücke zu vielem errichtet, was in den nächsten drei Stunden geschieht: Es wird auch vor den Fenstern gespielt oder hinter verschlossener Tür.

Kaisers Trilogie setzt nicht auf Individuen, auf wirkliche Menschen; die Protagonisten sind vielmehr Typen und Sinnbilder, sie verkörpern Ideen. Das macht die Sache klar und dicht, aber auch gelegentlich eindimensional, die ritualisierte Sprache schafft Distanz zwischen Bühne und Publikum. Von Episode zu Episode gerät das Geschehen sperriger und theoretischer, Handeln und Sprechen erscheinen maschinenhafter — analog zum Wandel der Fabrik vom Betrieb mit einem willkürlich-philantrohischen Inhaber über die vom Erben gewünschten lebensreformerisch-sozialen Verbesserungen bis hin zum verstaatlichten Giftgas-Werk. Gesellschaftliche Umwälzungen und persönliche Dramen auf der Bühne reagieren auf die Situation während und nach dem Ersten Weltkrieg.

Der Kopfhörer-Kniff verleiht der Inszenierung große Intensität, Publikum und Akteure kommen sich sehr nahe und die Stimmen gehen direkt ins Ohr. Die Zuschauer andererseits werden so voneinander isoliert. Sehr eindringlich gelingt dies im ersten Teil, in dem das dialogorientierte Geschehen sich stark auf wenige Akteure konzentriert. Im letzten Teil jedoch wirkt das Ganze aber arg aus der Zeit gefallen. Da werden (ge)wichtige Sachen verhandelt, Krieg, Staat und Wirtschaft gehen eng zusammen. Dennoch — formelhaft deklamierte Manifeste rufen: das ist expressionistisches Theater, so war das seinerzeit! Eine unmittelbare Wirkung auf den heutigen Zuschauer will sich nicht einstellen…

Das Stück mag Schwächen haben, das Ensemble zeigt sich aber intensiv und wandlungsfähig — sehr reizvoll, zu beobachten, wie alle Darsteller gleich mehrere Rollen verkörpern, so dass die Grenzen zwischen den Figuren verschwimmen. Herausragend spielen und wandeln sich vor allem Andrej Kaminsky, Roman Pertl und unbedingt Sebastian Müller-Stahl.

Ein weiterer Akteur darf keinesfalls unterschlagen werden: Das Kühlerhaus trägt als Spielort mit sparsamen Bühnenbauten, die sich symbiotisch einpassen, zum Gelingen bei. Ute Radler hat ein selbstverständliches hochatmosphärisches Setting geschaffen. Ein sehr gelungener Auftakt, der auch zeigt, wie stark das Vorläufige sein kann.

www.staatstheater-augsburg.de

die nächsten Termine: 5., 11., 17., 19. Oktober

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