Tolles Publikum

6. Juli 2013 - 0:00 | Jürgen Kannler

Interview mit dem Festivalchef von mozart@augsburg, Sebastian Knauer

Ich treffe Sebastian Knauer zum Interview an einem der wenigen warmen Nachmittage dieses Jahres im Café des Hotels Drei Mohren. Er kommt einige Minuten zu spät und erzählt mit leichtem Unbill in der Stimme, Bruno Labbadia wohne jetzt in seiner Suite. Grinst aber gleich wieder, macht sich kurz über mein langweiliges Mineralwasser lustig und ordert Grauburgunder, Eiswürfel extra. Nicht nur die Frauen in der Lounge werfen gerne einen Blick auf den aufgeweckten Hanseaten in Fliegerlederjacke und mit Dreitagebart. Knauer findet wohl überall sein Publikum. Im September wird der Pianist zum zweiten Mal sein Festival mozart@augsburg mit massivem Starangebot an den Start bringen. Doch am Tag nach dem Interview wird Labbadia mit seinen müden Stuttgartern erst einmal drei wichtige Punkte in Augsburg lassen. Und Knauer wird grinsen. Von Jürgen Kannler

a3kultur: Herr Knauer, Ende August beginnt die zweite Staffel von mozart@augsburg, einem Klassikfestival, das Sie letztes Jahr erstaunlich gut in der Stadt positionieren konnten. Wie läuft denn der Vorverkauf?

Sebastian Knauer: Sehr zufriedenstellend, danke der Nachfrage. Ich kann mich nicht beschweren. Doch richtig glücklich bin ich erst, wenn keine Karte mehr zu haben ist.

Wie würden Sie Ihr Publikum in Augsburg beschreiben?

Ein tolles Publikum! Vielleicht bei einigen Konzerten noch etwas zögerlich in Sachen Kartenvorverkauf. Ansonsten wissen ich und die Musiker, die bisher geladen waren, nur Gutes zu berichten. Man kann sagen, wir haben hier ein Publikum, das gebildet, sehr kultiviert und interessiert sowie unglaublich begeisterungsfähig ist. Viele Klassikfreunde sind nach den Konzerten persönlich zu mir gekommen und sagten: »Toll, dass Sie das hier machen und diese wunderbaren Musiker nach Augsburg bringen. Machen Sie weiter!« Das stimmt dann doch recht zuversichtlich.

Und aus dieser Zuversicht heraus verdoppeln Sie den Programmumfang vom ersten aufs zweite Jahr und hoffen, dass Ihnen das Publikum treu bleibt?

Das wäre schön. Natürlich ist es immer auch ein Wagnis, zu wachsen, aber ich habe letztes Jahr gleich gesagt, dass ich in diesem Jahr verdoppeln möchte. Und ich bin ein Mann, der seine Versprechen hält. Ich bin da frohen Mutes, dass die Konzerte in diesem Jahr – auch wenn es ein paar mehr sind – gut besucht sein werden. Ich glaube, bei jedem der zehn Programmpunkte gibt es etwas ganz Besonderes zu erleben.

Sie haben an sechs von insgesamt zehn Konzertabenden Werke von Wolfgang Amadeus Mozart ins Programm genommen. Im letzten Jahr spielte die Musik des Meisters beim Festival keine große Rolle. Hat Sie der Vorwurf getroffen, die trügen Mozart nur im Titel, nicht aber im Programm?

Nicht unbedingt. Ich wollte ja musikalisch gesehen nie ein reines Mozartfestival machen, habe das im Übrigen auch immer so kommuniziert. mozart@augsburg war so ein Spontangedanke von mir auf einem Langstreckenflug. Ich glaube, das hätte durchaus eine E-Mail-Adresse von Wolfgang Amadeus sein können. Schließlich verbrachte die Familie viel Zeit in der Stadt bzw. stammt aus ihr. Aber ein Titel, so gut er auch funktioniert, sollte nie Programm sein. Ehrlich gesagt glaube ich, das wäre auf Dauer für das Publikum auch langweilig. Wenn wir im ersten Jahr in der Tat noch einige Probleme hatten, das Thema optimal im Programm unterbringen, sind wir inzwischen diesbezüglich doch schon ganz ordentlich aufgestellt. Man darf nicht vergessen, dass wir 2012 beim Programm durch den kurzen Zeitraum der Vorbereitung noch sehr viel zaubern mussten. Dieser Umstand hat dann besetzungstechnisch Mozart nicht in dem Umfang zugelassen, wie ich es mir vielleicht von Anfang an gewünscht hätte. Aber einmal ganz im Ernst: Hätte ich den wunderbaren Cellisten David Finckel dem Augsburger Publikum vorenthalten dürfen, nur weil Mozart nicht für Solocellisten komponiert hat? Langfristig plane ich jedoch echte Mozartzyklen, zum Beispiel dass in absehbarer Zeit alle seine Klavierkonzerte in einem der wunderbaren Säle hier zur Aufführung kommen.

Wie schätzen Sie denn die Bemühungen der Stadt Augsburg ein, sich mit ihrer Dachmarke Mozart zu positionieren?

Ich würde schon sagen, dass gewisse Initiativen verstärkt werden müssen. Ich werde zwar zu Gesprächen mit Stadtoffiziellen geladen und um Kooperation gebeten, allerdings konnte mir bislang noch keiner der Herren ein Konzept vorlegen, das Hand und Fuß hat. Ich habe der Stadt jedenfalls den einen oder anderen konkreten Vorschlag gemacht. Teilweise warte ich aber noch auf Rückmeldungen. Ich speziell habe schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie es hier einmal in puncto Mozart aussehen könnte. Im Augenblick ist die Stadt, die ja als deutsche Mozartstadt das Mozartfest seit Jahren wesentlich mitträgt, mit den eigenen Ergebnissen offensichtlich unzufrieden. Und dann kommt auch noch der Knauer und veranstaltet mit seinem Team mozart@augsburg, in gut besuchten bis ausverkauften Sälen. Meine Antennen sind fein genug, um zu wissen, dass das im Grunde momentan nicht konform geht.

Na ja, so fein müssen die Antennen da gar nicht sein. Man sieht ja schon am Programm, dass es bei Ihrem Festival keine offizielle Zusammenarbeit mit der Deutschen Mozart-Gesellschaft gibt, die ihren Sitz in Augsburg hat. Das ist ja wohl doch etwas befremdlich. Wo hakt es?

Ich kann nur wiederholen, dass ich bereit bin zur Kooperation. Da ist bislang aber noch kein konkreter Vorschlag vonseiten der Stadt gekommen. Vielleicht wäre da auch der Leiter des Kulturamts mehr gefordert, der in Personalunion Präsident der Deutschen Mozart-Gesellschaft und Festivalleiter des Mozartfestes ist. Aber es stehen ja auch Wahlen an. Da wird mit Sicherheit auch hier ganz anders taktiert als zu normalen Jahreszeiten.

Den Würzburgern ist ihr Mozartfestival rund eine Million Euro wert. Leipzig legt für Bach jährlich weit über 600.000 Euro auf den Tisch, von Salzburg oder Wien wollen wir jetzt gar nicht sprechen. Welche Chancen hat die Mozartstadt Augsburg, über dieses Thema überregional wahrgenommen zu werden, wenn sie für ihr Mozartfest 2014 gerade einmal 200.000 Euro im Etat festmacht?

Das ist im Vergleich tatsächlich etwas wenig. Auf der anderen Seite lässt sich die Bedeutung eines Klassikfestivals nicht immer nur an der Höhe der kommunalen Zuschüsse ablesen. Da gibt es mehr Faktoren, die zählen. Mit den angesprochenen 200.000 Euro würde ich in jedem Fall eine ganze Menge bewegen können.

Im zweiten Jahr arbeiten Sie auch mit Künstlern aus Augsburg. Wie beurteilen Sie die fachliche Qualität der hier ansässigen Mozartprotagonisten?

Ich kann natürlich nicht über alle urteilen, weil ich längst noch nicht alle gehört habe. Aber ich hatte zum Beispiel Gelegenheit, die Augsburger Philharmoniker zu erleben und ebenso die Bayerische Kammerphilharmonie. Ich war sehr beeindruckt und habe Letztere gleich eingeladen. Wir spielen gemeinsam mit dem Cellisten Jan Vogler im Glaspalast (13. September, 20 Uhr). Beim Opernball habe ich die Sopranistin Sophia Christine Brommer gehört, das hat mich förmlich umgehauen. Sie singt jetzt unser Eröffnungskonzert mit dem Wiener Concert-Verein in der evangelischen Kirche St. Ulrich (31. August, 19 Uhr).

Planen Sie in absehbarer Zeit den Sprung in die ganz großen Häuser der Stadt?

Im Moment noch nicht. Sie reden da zum Beispiel über das Kongresszentrum?

Kongresszentrum – oder Theater zum Beispiel …

Ich muss sagen, das Theater hat mich bei meiner ersten Begehung atmosphärisch nicht so angesprochen wie etwa der Kleine Goldene Saal, also für das, was ich im Moment anstrebe: nämlich höchstes Niveau in einem sehr exklusiven, intimeren Rahmen, aber nicht für ein exklusives Publikum, sondern für alle.

Einflussreiche Gruppen machen sich dafür stark, Ihr Konzept gegen das Mozartfest einzutauschen. Nehmen Sie solche Vorstöße ernst?

Das Mozartfest Augsburg spielt im Gegensatz zum Mozartfest Würzburg überregional bislang kaum eine Rolle. Kaum jemand weiß von dieser Veranstaltung. Augsburg tritt als Stadt der Klassik kaum in Erscheinung. Diese Tatsachen sollten allen Beteiligten zu denken geben. Nur neue Köpfe zu fordern, ohne den maroden Körper zu erneuern, halte ich für falsch. Ich will mit meinem Konzept das Mozartfest nicht ersetzen. Wozu auch, wir sind doch ganz anders aufgestellt. Die Macher des Mozartfestes sagen, sie hätten einen Bildungsauftrag. Das finde ich vom Prinzip her übrigens nicht falsch. Aber sie machen das auf einem Niveau, das den Menschen hier offensichtlich nicht mehr genügt. Wenn den letzten zwei oder drei Verantwortlichen, die das bisher noch nicht verstanden haben, klar wird, dass ich nicht gegen, sondern für die Stadt arbeite, dann können wir hier gemeinsam eine ganz große Nummer aufziehen.

Eine echte Mozartstadt sollte auch mehr als ein Spitzenevent zum Thema vertragen. In der aktuellen Diskussion würde ich mir lautere Stimmen für eine Sowohl-als-auch-Lösung wünschen statt der Entweder-oder-Variante.

Da haben Sie recht. Unser Festival und das Mozartfest liegen doch eigentlich schon rein zeitlich völlig unterschiedlich. Ich veranstalte im September, die Kollegen mit der Ausnahme 2012 im Frühjahr, und das aller Voraussicht nach wegen der Biennalepläne der Politik und des Violinwettbewerbs nur noch alle zwei Jahre. Wir stehen uns eigentlich nicht im Weg, denn ich mache etwas völlig anderes. Ich bin auch ein anderer Typ als der Organisator des Mozartfestes. Ich bin reisender Musiker, ich habe ganz andere Vorstellungen von Musik, weil ich selber auf der Bühne stehe – ich will internationale Künstler nach Augsburg bringen. Er ist ein Planer und Veranstalter, der durch die Präsentation von vielen regionalen Künstlern sein Publikum vor Ort mehr integrieren will.

Im Vorwort des aktuellen Programms bedanken Sie sichganz besonders beim Förderverein Amadeus.

Dieser Verein ist mein Rückgrat in Augsburg. Das sind rund 200 sehr honorige Mitglieder der Augsburger Gesellschaft, die wirklich Freude an Musik haben.

Vor seinem Engagement für Ihr Projekt unterstützte der Amadeus e.V. die Mozartiade. Ein Klassikprojekt, das sich finanziell übernommen hatte und seine Arbeit auch zum Schaden einiger Künstler, die nicht bezahlt werden konnten, einstellen musste. Diese Pleite muss doch auch die Vereinsmitglieder sehr mitgenommen haben. Hat sich Erleichterung bei diesen Musikfreunden gezeigt, als klar wurde, dass sich so ein Debakel mit Ihnen wohl nicht wiederholen würde?

Absolut, ich sehe eine unglaubliche Begeisterung, aber auch immer noch einige skeptische Mienen, weil manche es immer noch nicht glauben können, dass es eben auch anders geht als bei der Mozartiade, wo ständig nachgebuttert werden musste und dann doch alles den Bach runterging. Manche Amadeus-Mitglieder sind in der Tat hoch ambitioniert, was unsere Zusammenarbeit angeht. Was mich aber vor allem begeistert: Das ist auch mein Publikum. Die Menschen, die sich in diesem Förderverein engagieren, der sich übrigens stark vergrößert hat im letzten Jahr, die kaufen meine Konzertkarten, die sitzen im Publikum, die erzählen vor allem auch davon und verbreiten diese Idee. Diese Menschen machen daraus eine Geschichte, die sich richtig weit verbreitet, und das bringt mir unglaublich viel Spaß.

Herr Knauer, vielen Dank für das Gespräch.

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