»Brecht der Kotzbrocken«

4. März 2021 - 13:35 | Anna Hahn

Am sechsten Tag des digitalen Brechtfestivals »kriegt er aber sein Fett weg, der Bertie«.

Große Vorfreude in den meisten Chatnachrichten der Besucher*innen des Brechtfestivals. Viele sind bereits im virtuellen Warteraum des Livestreams gespannt auf die Premiere der Augsburger Theatergruppe »theter«. Vermittelt der Chat und die auswählbaren Emojis zu Beginn noch ein Gefühl von gemeinschaftlichem Warten vor Einlass in die Kulturstätte (»Hallo aus München«, »Hallo aus Wien«, »Hallo aus Pfersee«, »Freu mich schon total«, »Bin schon gespannt«), lenken sie beim Ansehen der einzelnen Beiträge leider ab. Wer also auf die Kommentare verzichten kann, sollte unbedingt den Vollbildmodus einschalten. Zwischen den einzelnen Programmpunkten kann das Durchscrollen durch den Chat aber äußerst amüsant sein.  

»Wir sollten über Ruth sprechen, nicht über Brecht«, forderten die Künstler*innen von »theter« und drehten »Ruth«, einen Kurzfilm (Foto: Daria Welsch © Leif Eric Young) über Ruth Berlau: Fotografin, Autorin, Regisseurin, Kämpferin im Spanischen Bürgerkrieg, Brechts Geliebte und Vertraute. Eine Frau mit einer beeindruckenden Vita, die nur eine Schwäche hatte: »Sie liebte«. Im Chat stimmte man »theter« zu und forderte: »Nächstes Jahr Ruth Berlau Festival«. Weitere Chatgäste übertitelten den Beitrag mit »Ruth und die dunkle Seite des BB« und »Brecht der Kotzbrocken in drei Akten«. Tatsächlich bekam Brecht bei »theter« ordentlich sein Fett weg. Von der Festivalcommunity wurden die Roy-Preisträger 2017 dafür gefeiert. Es regnete reichlich virtuellen Applaus.

Auch bei Frank Wolff schwingt Kritik mit. Der Cellist sprach gestern frei von der Leber weg, was er denkt. Er monologisiert kritisch, aber wertschätzend über Brecht und driftet dabei ab und an mal ab – das nimmt man ihm aber nicht übel, da er dabei äußerst sympathisch bleibt. Virtuos spielt er zwischendurch auf seinem Cello. In den Chatnachrichten wünschten sich manche Zuschauer*innen mehr Musik und weniger Reden.

Musikalisch wurde es gestern auch bei Charlotte Brandi, die ihr Konzert erfreulicherweise im Augsburger Textil- und Industriemuseum aufnahm. Für Brandi nicht ihr erster Abstecher in die Brechtstadt. Bereits 2019 schrieb die Wahlberlinerin die Musik für das Stück »Und jetzt die Welt!« am Staatstheater. Man kann nur hoffen, dass sie und ihre fantastische Musik noch häufiger nach Augsburg kommen werden.

»Komisch, diese Seite von Brecht haben wir in der Schule gar nicht kennengelernt«, stellte ein verdutzter Besucher beim letzten Programmpunkt des Abends im Chat fest. Besser kann man die musikalische Performance von Johannes Aue und Ben Hartmann (während des Studiotalks schmatzend mit Kaugummi und »manspreading« vom Feinsten) nicht beschreiben. Die beiden Künstler befassten sich mit Brechts erotischen Sonetten. Im Studiotalk wies Festivalleiter Jürgen Kuttner noch einmal die Festivalbesucher*innen auf die angegebene Altersbegrenzung ab 16 Jahren für die besondere Performance hin. Das mag sinnvoll gewesen sein aufgrund der vorgetragenen erotischen Texte von Bertolt Brecht. Zu sehen bekam der Zuschauer aber eher Ekelhaftes als Frivoles.

www.brechtfestival.de

Thema:

Weitere Positionen

22. April 2021 - 15:23 | Renate Baumiller-Guggenberger

MAN Energy Solutions zieht sich aus der Partnerschaft mit den Augsburger Philharmonikern zurück – wie bitter! Ein Kommentar von Renate Baumiller-Guggenberger

21. April 2021 - 6:34 | Gast

Aus der Erde geboren: Vor unserer Haustür erwacht zum Leben, was uns kulinarisch verwöhnt. Wild wachsende Kräuter sind wahre Schätze. Von Björn Kühnel

20. April 2021 - 10:15 | Dieter Ferdinand

Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl schrieb Robert M. Zoske eine neue Biografie: »Sophie Scholl: Es reut mich nichts – Porträt einer Widerständigen«

16. April 2021 - 9:13 | Martin Schmidt

Augsburgs Indie-Tankstelle Kleine Untergrundschallplatten veröffentlicht eine 10" von Bart & Friends. »Tolmie Wild Thymes«, so der Titel des Mini-Albums, präsentiert Jangle/Indie-Pop erster Güte.

14. April 2021 - 9:08 | Martin Schmidt

Auf »Wasserstoff« (CD/Digital/Stream) setzt der Augsburger Komponist Stefan Schulzki Gedichte von Unica Zürn, Daniel Graziadei und Joseph von Eichendorff in Tonbilder um. Mit dabei, als zentraler Baustein, ist Sängerin und Vokalkünstlerin Beatrice Ottmann.

13. April 2021 - 14:03 | Martin Schmidt

»Knospen des Frühlings« (Digital/Stream/MC) ist das bemerkenswerte Debüt von Special Snowflake. Der 23-jährige Augsburger Nikita Nakropin führt einzigartig Liedermachertradition mit Elementen aus Hardcore und Emo zusammen.

12. April 2021 - 8:28 | Juliana Hazoth

Diversität ist keine momentane Laune des Marktes, sondern schlicht der Wunsch, Realität abzubilden. Lesebedarf – die a3kultur-Literaturkolumne

11. April 2021 - 13:53 | Gudrun Glock

Gibt es Pflanzen, die Schnecken fernhalten? Was hilft wirklich bei Bienenstichen? Andreas Barlage gibt Auskunft in seinem Buch »Wie kommt die Laus aufs Blatt? Wissenswertes und Kurioses rund um die Tiere in unserem Garten«

9. April 2021 - 9:44 | Juliana Hazoth

»Als wir uns die Welt versprachen« – Romina Casagrande erzählt in ihrem neuen Roman vom Schicksal der Schwabenkinder.

7. April 2021 - 8:43 | Thomas Ferstl

»Projektor«, die a3kultur-Filmkolumne, über die Rückkehr von Filmfestivals, Johnny Depp, einer leichten Dame und eines Streamingdienstes.