Geld, Liebe und ein Operettenstaat

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11. Dezember 2019 - 13:04 | Bettina Kohlen

Im martini-Park tanzt »Die lustige Witwe« über die Staatstheaterbühne. Leider bleibt die Inszenierung in konventioneller Nettigkeit stecken.

»Die lustige Witwe« von Franz Lehár, 1905 uraufgeführt, entwickelte sich nach Anlaufschwierigkeiten zu einer der erfolgreichsten Operetten und erfreute sich seither großer Popularität. Dazu trugen auch einige Verfilmungen bei, unter anderem 1934 durch Ernst Lubitsch. Die Beliebtheit hierzulande ist jedoch auch Hitlers Faible (trotz jüdischer Librettisten) für die Witwe geschuldet, Werke vieler jüdischer Autor*innen dagegen verschwanden während der Nazi-Zeit eben in der Versenkung. Bruchlos ging es in Wirtschaftswunderzeiten weiter mit der Geschichte um die Verstrickung von Geld, Macht und Liebe in Paris. Der nicht übermäßig differenzierte Plot störte nicht weiter, im Fokus standen die Schmachtfetzen-Aspekte und natürlich Lehárs schwungvoll schmissige Musik.

In der abgeranzten Pracht der Botschaft des fiktiven Kleinstaates Pontevedro (Bühne: Nanette Zimmermann) begibt man sich auf die Jagd nach dem Vermögen der Witwe Hanna Glawari, um den Staatsbankrott kurz vor knapp abzuwenden. Mittel der Wahl ist die Eheschließung, egal mit wem, Hauptsache der Glückliche ist Pontevedriner. Natürlich wird es am Ende Graf Danilo, der ehemals aus Standesgründen auf die Geliebte verzichtete.

Andrea Schwalbach, die in Augsburg bereits die Zauberflöte für die Bühne im martini-Park inszenierte, hat sich nun diesen Dauerbrenner vorgeknöpft. Erstaunlicherweise nähert sie sich dem Ganzen merkwürdig indifferent, lässt Rezeption und Geschichte des Werkes außen vor. Die Strategie, die Operette für sich selbst sprechen zu lassen, geht nicht auf, stattdessen wird die Besucher*in Papas Abonnement-Theater versetzt, komplett mit ungelenkem Spiel einiger Akteur*innen. So bleibt der Pulk der Flüchtlinge ein eigenartig einzelner Störer, ein Bild, das keine Wirkung entfaltet. Es dominiert eine etwas platte Albernheit, einschließlich Beine werfender Grisetten und einem Klischee-Männerballett in Rock und BH – reichliche Übertreibung geht aber nicht ohne Weiteres als ironischer Kommentar durch …

Wenn man sich im 21. Jahrhundert ein solches Ding vorknöpft, sollte es schon ein bisschen mehr sein, oder? Eine olle Operette zu bringen, ist völlig in Ordnung; wenn man jedoch mehr als ein Vehikel für die bekannte und beliebte Musik produzieren möchte, braucht es eine erweiterte Betrachtungsebene. Die fehlt in der Augsburger Inszenierung, und so bleibt es bei braver Nettigkeit. Die musikalische Ebene gestaltet sich weitaus schlüssiger. Stanislav Sergeev laviert sich als schlichtgestrickter Botschafter ordentlich durch das Geschehen, Olena Sloia als schräge Gattin mit – zumindest ersehntem – Nebenmann (Roman Pobinyi) zickt und zaudert sich zielsicher aus der Affäre, war aber (zumindest in der Premiere) leider stellenweise kaum zu hören. Jihyun Cecilia Lee als Hanna Glawari spielt und singt sich souverän und glanzvoll durch das Geschehen, elegant zwischen Lebedame und liebendem Mädchen pendelnd. Ideal war Alejandro Marco-Buhrmester besetzt, der in Aktion und Gesang dem Grafen Danilo absolut überzeugenden Lebemann-Charakter verlieh. Die Trumpfkarte hatten – wie oft – die Philharmoniker in der Hand, die unter Domonkos Héja schwungvollen Operettenglanz entfalteten.

Großer Beifall und eine bereits ausverkaufte Silvestervorstellung lassen einen Renner erwarten. Im Mittelpunkt des Publikumsinteresse stehen wohl die musikalischen Ohrwürmer, die populäre auf der Schiene Paris–Wien–Balkan rauschende Musik – das Bühnengeschehen bleibt nett-buntes Beiwerk. Schon schade …

Foto: Die lustige Witwe Hanna Glawari (Jihyun Cecilia Lee) ist jung, reich und umschwärmt ... Foto: Jan-Pieter Fuhr

Die nächsten Vorstellungen am 15. Dezember, 2. und 7. Januar. Die Silvester-Vorstellung ist bereits ausverkauft.


www.staatstheater-augsburg.de

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