Klassik

Sang- und klanglos?!

Renate Baumille...
7. November 2020

Jetzt stellte der Deutsche Kulturrat – 1981 als politisch unabhängige Arbeitsgemeinschaft kultur- und medienpolitischer Organisationen und Institutionen von bundesweiter Bedeutung gegründet – in seiner Novemberausgabe des Magazins »Politik& Kultur« erneut eine »Rote Liste 2.0« vor, in der nur durch Corona bedrohte Kulturprojekte benannt werden. Dies in fünf Kategorien: von 0 = »geschlossen« bis 4 = »ungefährdet«.
Wieder ist eine Spezies vom Aussterben bedroht: Diesmal heißt sie »Kultur«. Den Begriff Rote Liste kennt man bislang im Kontext gefährdeter Tieren und Pflanzen (derzeit gelistet sind laut Weltnaturschutzunion rund 32.000 Arten), die besonderer Schutzmaßnahmen bedürfen, um das endgültige Aus zu vereiteln, das immer auch das gesamte ökologische Gleichgewicht betrifft.

Der Begriff »Rote Liste 2.0« suggeriert Dringlichkeit. Doch welche konkrete Signalwirkung kann davon ausgehen? Bleibt es mehr als eine Pflichtübung, eine gut gemeinte Idee auf Papier, das bekanntlich geduldig ist? Welche Taten und Resultate kann diese Rote Kultur-Liste nach sich ziehen? Hand aufs Herz – wer außer passionierten Naturschützern unternimmt wirklich Wegweisendes, um zum Beispiel den Feldhamster zu retten? Wer hört diesen Notruf und wer reagiert wie darauf? Jeder, den Kultur »betrifft«, der Theater und Konzerte als Muss empfindet, ist derzeit hinreichend alarmiert und weiß, welches Fiasko der Lockdown für die Kunst-und Kreativwirtschaft bedeutet.

Der Bayerischen Kammerphilharmonie (bk) mit Sitz in Augsburg wird die Kategorie 2 = »gefährdet« attestiert. Dieser »prominente« Listenplatz wird das ambitionierte Orchester nicht weit bringen, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert und seit März unter dramatischen Einnahmeeinbußen leidet, verursacht durch Corona und die viel zu hohe Saalmieten sowie den Rückzug von Sponsoren bei laufenden Fixkosten. Solange großräumige Spielorte wie in Augsburg zum Beispiel die Kongresshalle die einzig möglichen sind, müssten sie quasi kostenfrei von der Stadt für die niveauvollen Konzerte – etwa der »unerhört«-Reihe der bk – zur Verfügung gestellt werden. Das wäre eine erste wirksame Antwort auf das Arten-Sterben in der Klassik.

Denn keiner will und soll nach der Pandemie #sangundklanglos untergehen! Unter diesem Hashtag-Motto stellten bundesweit am Montagabend (2.11.) große, öffentliche Kulturinstitutionen sowie viele Solo-Künstler*innen ihren bewusst leisen Protest auf die Bühnen bzw. ins Netz. Sie bekundeten so gleichzeitig die Solidarität von noch subventionierten Kulturmachern mit den freischaffenden Kolleg*innen, Bühnen- und Backstage-Mitarbeiter*innen und über 1 Mio. Beschäftigten im Veranstaltungswesen.
Der drohende Kollaps der Kultur bekam mit den ebenso bizarr anmutenden wie für sich sprechenden, bzw. »schweigenden« Interventionen ein Format, das erschreckte, irritierte und auf groteske Weise die Absurdität der Kulturort-Schließungen und Auftrittsverbote deutlich machte. Kaum auszuhalten etwa die 20 Minuten, in denen die Orchestermusiker der Hamburger Philharmoniker unter Leitung von Kent Nagano in voller Arbeitsmontur samt Masken mit ihren Instrumenten auf den Stühlen sitzen und… – gar nichts tun, keinen einzigen Laut von sich geben, keinen Ton anspielen.

Aktionen wie diese scheinen ein gutes Protestkonzept, mit dem sich medial Aufmerksamkeit generieren lässt. Bleibt zu hoffen, dass diese Kunst-Stücke, die stumm und still das Mundtot-Sein demonstrieren, schnell diejenigen Entscheider erreichen, die die Macht haben, das Pandemie-Regelwerk für die Kultur zu revidieren.

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